Vom Mittelalter über Sowjetnostalgie bis ins neue Jahrtausend

Hinzu kommt die Vielzahl goldener Zwiebeltürme, die wie auch der Kreml, Zeugen einer noch älteren Historie sind. Hier sind die Spuren des Mittelalters erkennbar, als Moskau sich zur Hauptstadt des russischen Reiches erhob. Eine weitere Facette stellt das Arbat-Viertel unweit des Kremls dar.

Das Quartier besteht seit dem 15. Jahrhundert und ist einer der ältesten Stadteile Moskaus. Die vielen historischen Gebäude des späteren Künstler- und Intellektuellenviertels machen Arbat zu einem der Szene- und Touristenviertel Moskaus. Einen bemerkenswerten Kontrast dazu bilden die Kolosse aus Stahl und Glas, die wie die mächtigen Boten eines neuen Zeitalters am Horizont das heterogene Stadtbild abrunden. Moskau ist vielschichtig, Moskau ist bunt, Moskau ist vielfältig. Und diese Vielfalt findet ihren Ausdruck sowohl in der Bevölkerung, als auch in der Architektur.

Kulturtempel: Das Bolschoj-Theater. Auch wenn wir uns ein strenges Verweigerungsgelöbnis bezüglich des Kulturprogramms in Moskau auferlegt haben, so bedeutet dies nicht, dass die Stadt nicht auch kulturell einiges zu bieten hätte. Ob Tretjakow-Galerie, Weltraum-Museum mit Uta Raasch Mantel oder Gorki-Museum – wollte man alle Museen Moskaus besuchen, wäre man damit sicherlich mehrere Wochen beschäftigt.

Eine ähnlich lautende Aussage unseres Reiseführers hielt uns davon ab, es überhaupt zu versuchen. Gleiches gilt für die zahlreichen Theater oder die weltberühmten russischen Balletts. Ehrlich nichts für uns, allerdings sind wir gewiss kein Maßstab in kultureller Hinsicht.

Unser größtes Kunstprojekt in Moskau bestand in der Besichtigung der Metrostationen. Aber die „Unterwelt” Moskaus ist einen eigenen Beitrag wert. Alles in allem lässt sich festhalten, dass Moskau definitiv einiges zu bieten hat. Die Stadt besticht nicht durch Schönheit, sondern überwältigt einen durch ungeheure Größe, Imposant und einen gewissen spröden Charme.

Die Ergänzung über Moskau erschien angebracht, denn so eintönig grau ist die Stadt tatsächlich nicht. Persönliche Kontakte ergaben sich leider kaum, da wir in unserem Hostel zumeist auf Russen trafen, die in Moskau arbeiteten und im Hostel wohnten, da sich inzwischen tatsächlich niemand mehr die Mieten in zentraler Lage leisten kann. Doch von einem Deutschen, der hier studierte, erfuhren wir einiges über Stadt, Leute und Lebensart, was unser dargestelltes, heterogenes Bild von Moskau manifestierte. Dennoch waren wir nach knapp einer Woche nicht böse, weiterreisen zu können.

Alle Züge fahren nach Pushkin

Die nächste erfolgte im Zug. Ganz klassisch mit drei Schaffnern und zwei Sicherheitskräften. Wer aber danach sein Ticket weggeworfen hat, der sollte ein Problem bekommen Zum Glück behielten wir unsere Tickets, Probleme bekamen wir trotzdem. Denn nach wie vor gibt uns das kyrillische Schriftbild bisweilen Rätsel auf.

Zwar prägten wir uns die Schreibweise der Zielstation genau ein, entdeckten diese nach halbstündiger Fahrt sogar auf einem Bahnhofsschild, doch leider zu spät. Die Züge halten hier nur etwa zwei Minuten, sodass wenig Zeit zur Orientierung bleibt. Kaum versicherte ich, dass wir an unserem Ziel seien und machte mich zum Aussteigen bereit, fuhr der Zug bereits wieder an. Dumm gelaufen. Nächster Halt Pavlovsk. Schön, da wollten wir sowieso hin. Also warum nicht gleich?

Diesmal waren wir besser vorbereitet und begaben uns frühzeitig in Richtung Ausstieg. Diesmal sollte auch der kurze Halt reichen, um den Zug zu verlassen. Doch um den Bahnsteig zu verlassen, bedurfte es einer erneuten Kontrolle beim Passieren eines Drehkreuzes. Leider hatten wir unser Ticket wegen des Missgeschicks bei Pushkin überzogen und uns wurde der Ausgang verwehrt. Verdammt. Schwere Zeiten für Schwarzfahrer. Wir wandten uns hilfesuchend an einen Uniformierten, der beim Blick auf unsere Fahrscheine milde lächelnd auf seine Kollegin deutete.

In der Hoffnung auch hier auf Nachsicht mit reitmayer linksstrickjacke
zu stoßen, versuchten wir es erneut mit dem Charme des Hilflosen. Doch unsere Hoffnungen wurden im Keim erstickt. Ziemlich barsch wies sie uns zurück und erzählte – mal wieder – irgendwas von „Plattform”. Ob wir hier übernachten sollten? Nein, denn der Rubel öffnet einem hier viele Türen. Und auch Drehkreuze. Auf dem Bahnsteig fanden wir den Schalter, wo wir von der jungen Dame hinter der Scheibe zunächst einmal ausgelacht wurden. Nett, danke auch.

Nach einigem hin und her, diversen Lamentos und Gesten des Bedauerns und des Flehens, hatte die Schalterdame ein Einsehen und gab uns neue Tickets. Wer aber jetzt denkt, wir hätten die eine Station nachzahlen müssen, der irrt. Zum gleichen Preis wie für die Fahrt von St. Petersburg nach Pushkin auf historischer Strecke erhielten wir nun einen ganz alltäglichen Gang vom Bahnsteig ins Bahnhofsgebäude. Inklusive Drehkreuzpassage gut und gerne eine Minute. Panorama während der Fahrt: St. Petersburgs Außenbezirke.

Bei allen Schwierigkeiten muss man allerdings sagen, dass einem während der Fahrt doch einiges geboten wird. Kaum zuckelte der Zug aus dem Witebsker Bahnhof los, wurde sogleich die Tür zum mit Holzbänken versehenen Großraumabteil aufgerissen und die erste Zeitungsverkäuferin kam herein um einen Strauß bunter Druckerzeugnisse anzupreisen.

Der dritte Tag in Shanghai

Der dritte Tag in Shanghai begann mit Kunst. Nach den vielen Galerien in 50 Mongshan Road statteten wir dem Jadebuddha Tempel einen Besuch ab, bevor wir mit der Metro an den Stadtrand nach Qibao fuhren, um uns im Gewühl in den kleinen Gassen zwischen Kanälen zu verlieren.

Den zweiten Tag in Shanghai verbrachten wir im Zentrum. Vom Ting’an Tempel aus schlenderten wir zum Volkspark und dem gleichnamigen Platz. Danach ließen wir den Tag auf den Straßen der französischen Konzession ausklingen. Die wehen Füße am Abend war es allemal wert.

Spannung und Entspannung auf dem Weg nach China. Zamyn Uud und Erenhot. Nur 2 Kilometer trennen die Städte. Doch dazwischen liegt die mongolisch-chinesische Grenze, und über die kann man nicht zu Fuß gehen. Was liegt da näher als aus diesem Problem ein Geschäftsmodell zu entwickeln? Zumal weder Zamyn Uud noch Erenhot als strukturstarke Städte durchgehen.

Dass es nicht überall einfach ist ein Zugticket zu kaufen, haben wir bereits in Russland erfahren. Doch die Mongolei setzte dem die Krone auf. Zuerst begann alles ganz harmlos, wir kauften über unser Hostel ein Ticket für einen Direktzug nach Peking. Das war guter Service mit schönen herren highmoor Hemden und denkbar einfach. Doch leider war es auch teuer. 100 Euro für einen Zwei Tage Trip.

Mal wieder gab es nur die zweite Klasse, denn es war ein internationaler Zug, in dem es keine Großraumabteile gibt. Als wir jedoch Bekanntschaften im Hostel machten, erfuhren wir von einer günstigeren Möglichkeit, die wir letztendlich wählten um nach Peking zu kommen. Soviel sei verraten: günstiger heißt nicht einfacher.

Shanghai. Erster Tag. Stahl und Glas. Blitzblank. Eine Metropole die New York oder London in nichts nachsteht. Alles ist neu und modern. Wohnblocks und Wolkenkratzer überall, riesenhoch. Der Transrapid und andere Wunder der Moderne. Das alles ist Shanghai. Das war es dann aber auch schon. In anderen Städten, wie den oben genannten, oder auch in Peking, da steckt das Moderne und Sterile in dem Alten, Gewachsenen, wie Kerzen in einer Torte.

Es ist dieses lang Gewachsene wo die Seele einer Metropole wohnt, das Spezielle, was vielen Städten ihren individuellen Charakter verleiht. Orte, die einem nach einem einzigen Augenblick verraten wo man ist, weil diese Orte das Wesen der Stadt ausmachen. Genau diese Orte habe ich in Shanghai vermisst. Shanghai hat Effizienz und Moderne. Sogar sehr viel davon. Aber hat es einen unverwechselbaren Charakter? Ich weiß es nicht.

Hangzhou – leider nur auf der Durchreise

Es war noch dunkel, als wir am Bahnhof von Hangzhou ankamen und mit dem Taxi zu unserem Hostel fuhren. Dennoch gewannen wir sofort einen ersten und sehr positiven Eindruck: Wir fuhren lange Alleen entlang, deren Bäume tatsächlich grüne Blätter trugen und die von hübschen kleinen Bauten gesäumt waren. Wir passierten eine idyllische Seenlandschaft und sahen zunächst wenig grauen Beton. Sofort waren wir uns einig: Hier kann man sich wohl fühlen!

Der Bahnhof von Wuhan. Er war so ziemlich das einzige in der Stadt, was wir wirklich ausgiebig kennenlernen durften. Als wir nach der Jangtse-Fahrt abends mit dem Bus in Wuhan ankamen, war nicht mehr viel dran am Tag. Nach einer heißen Dusche aßen wir an einem kleinen Straßengrill in einer zugigen kleinen Seitengasse zu Abend. Dann fielen wir ins Bett und erholten uns von der Bootsfahrt.

Den Weg wollten wir zum Ziel machen. Und das haben wir bisher auch getan. Dass dieser Weg nicht immer geradlinig oder entlang der vorgesehenen Route verläuft, versteht sich dabei von selbst. Seit dem ersten Tag in China haben wir unsere Pläne über den Haufen geworfen, die Routen spontan geändert, um Orte zu sehen, die uns als sehenswert empfohlen wurden oder sind ganz einfach länger geblieben, wo es uns gefiel beziehungsweise es die Gegebenheiten erforderten.

So haben wir einige unverhoffte Highlights mit den neuen Amy Vermont leggings gesehen und erlebt sowie Zeit mit uns liebgewonnen Menschen verbracht. Wobei allerdings auch einige Abstriche gemacht werden mussten. Leider.

Der Drei-Schluchten-Damm. Dieser Damm bricht alle Rekorde. Er ist eine Meisterleistung der Ingenieure, rettet jedes Jahr Menschenleben vor den Launen des Jangtse und liefert massenhaft Energie. Trotzdem stand das Projekt von Anfang an in der Kritik. Wegen des Preises. Denn den zahlt die Natur.

Bootstour über den Jangtse. Es ist nur ein kleines Stück des mächtigen Jangtse. Nur 200 von über 6000km. Doch mit Abstand das berühmteste. Die drei Schluchten. Zu beiden Seiten eines stellenweise nur 100m breiten Flusses steigen steile Felswände bis zu 1000m hoch abrupt aus dem Wasser auf.

Alles ist in grün getaucht. Selbst der Fels scheint grün zu sein. Die Reise beginnt in Chongqing und endet in Yichang am berühmt-berüchtigten Drei-Schluchten-Damm. Dazwischen liegen zwei Tage und zwei Nächte Staunen.

Stipvisite in Vladimir und Suzdal

Im rechten Licht sehen sogar Plattenbauten cool aus. Zurück in unserer Unterkunft, dem einzigen Hostel in ganz Vladimir (immerhin gibt es eines), werden wir von weiteren Neuigkeiten überrascht. Keine Heizung! So lange die Bauarbeiten andauern, um von Zentral- auf Gasheizung umzustellen, lässt sich daran leider nichts ändern.

Russischer Oktober hin oder ehr. Die altersschwachen Radiatoren, die sie aufgestellt haben, kommen zwar nicht wirklich gegen die Kälte an, aber wir haben auch Glück. Das Hostel ist nur halb ausgebucht, so dass wir die dünnen Wolldecken doppelt nehmen können. Alles wird gut.

Von der Aussichtsplatform hat man einen Ausblick über das weite Russland. Vielleicht ist es unter diesen Umständen gar nicht so schlecht, dass das Piligrim Hostel im Gebäude eines christlichen Zentrums ist und dort weder Tabak noch Alkohol erlaubt sind. Alkoholisiert bemerkt man eine Unterkühlung nicht so schnell und kann nur schwer Gegenmaßnahmen einläuten. Trotzdem.

Nachdem ich schon beinahe so etwas wie Heilung habe erahnen können, werde ich am nächsten Morgen von einem herrlichen Hustenanfall geweckt, der mich noch einmal in Vladimir willkommen heißt und mir zu verstehen gibt, dass sich ein einmal festgesetzter Husten im russischen Hinterland nicht so einfach wieder loswerden lässt. Hosianna.

Doch das hält uns nicht von unseren Tagesausflug mit mandarina duck leder nach Suzdal ab. Immerhin sind wir deshalb hier. Suzdal sei ein würdiger Ersatz für Jaroslawl, so heißt es. Wir wollten dieses Prachtstück des Goldenen Rings besuchen, mussten davon jedoch aus Zeitgründen absehen, da es von Jaroslawl aus keine direkte Verbindung nach Vladimir und Nizhny Novgorod gegeben hätte. Um von Jaroslawl zurück auf die Route nach Vladimir zu kommen, hätten wir wieder zurück nach Moskau gemusst, insgesamt eineinhalb Tage verloren, und uns somit dagegen entschieden.

Muss die Partnerstadt Kassels leider ohne Kasselaner auskommen (um den Unterschied zwischen Kasselern, Kasselanern und Kasselänern zu erklären, fehlt uns hier leider der Platz). Aber dafür haben wir ja Suzdal. Dieses Kleinod ist laut Reiseführer eine Reise wert, verspricht märchenhaften Charme und unberührtes russisches Ambiente, alte Architektur, einen wunderschönen Kreml und ein herrliches Kloster. Nur leider keine Hostels, weshalb wir auf Vladimir auswichen.

Ruhiger Tag in Sambia

Außer vielleicht eine Kleinigkeit: Ich habe hier sehr großes Glück mit meiner Familie. Zum einen werde ich jeden Abend bekocht wie im Sternerestaurant und das noch nicht mal NshimaJ Mutti mag es nämlich nicht so gerne (die wahrscheinlich einzige Sambiarin). Zum andern wurde jetzt für mich das volle Pay-TV Programm gekauft, ohne dass ich es extra gewünscht habe. Daher hört die ewige Langeweile zu Hause jetzt wohl auch etwas auf. Mir werden also quasi alle Wünsche von den Lippen abgelesen. Man kann sich nicht beklagen…

Der nächste Brüller kam alledings heute ABe ich war alleine daheim, als Vati und Mutti gegen halb sechs heim kamen. Clement (also Vati) drückte mir, mehr oder weniger, kommentarlos dreißig Tausend Kwacha (5Euronen) in die Hand. Für Essen, weil die beiden direkt wieder wegwollten. Verstanden habe ich das nicht wirklich, da ich mir auch hier etwas machen, oder einfach auf die beiden warten könnte.

Auf die Frage, wohin die beiden gehen, erklärte er mir ganz trocken, er gehe seine Kumpels treffen und Bier trinken und sie gehe zum Gebet. Ich sollte nicht vor 22 Uhr mit ihnen rechnen. Nach kurzer Überschlagung im Kopf hab ich mich dann gewundert wie lange mit manon baptiste Poloshirt die Kirche wohl gehen müsste und fragte was Gertrude (Mutti) in der restlichen Zeit mache. „Die wartet solange“…. Sie geht also zum Gebet, welches Schätzungsweise bis etwa sieben Uhr geht und wartet anschließend bis frühstens zehn Uhr auf ihren Mann, damit sie ihn heimfahren kann. So kanns gehn in Afrika…

Die zurückliegende Woche war die wahrscheinlich härteste Woche bislang in Sambia. Das bezieht sich zwar auch auf die Arbeitszeit, aber vor allem auf die Arbeit selbst. Wie schon angekündigt war ich am Dienstag und Mittwoch fast alleine an der Schule und hatte die fünfte bzw. sechste Klasse den jeweils ganzen Tag zu betreuen. Kann alzu schwer nicht werden, dachte ich mir. Falsch gedacht… Nachdem ich anfangs einfach mal Mathe Aufgaben über den zurückliegenden Stoff behandelt habe musste ich frustriert feststellen, dass ich die Kinder hoffnungslos überschätzt habe. NIX, aber auch gaaaaar NIX konnten die. Es kam letztlich sogar soweit, dass ich in der sechsten Klasse das kleine einmaleins wiederholen musste. Zu allem Unglück kam noch hinzu, dass die meisten sogar zum abschreiben zu dumm waren bzw. immer bei den Falschen abgeschrieben haben

Vom Verhalten möchte ich erst gar nicht anfangen. Ich dachte wirklich, ICH wäre schlimm gewesen zu meiner Schulzeit, aber das hier übersteigt doch alles. Ich glaube es liegt auch daran, das die genau wissen, dass ich sie nicht schlage (im Gegensatz zu den “normalen” Lehrern). Letztlich habe ich kurzerhand alle rausgeschickt, die bei meinem hundertsten Versuch etwas zu erklären, immer noch störend waren und habe einfach alles eingesammelt, was nicht mit Mathe zu tun hatte, aber dennoch auf den Tischen war. Ein Fehler, wie sich am nächsten Tag herausstellte. Ich habe die Gemälde nämlich meinem Kollegen gegeben und der hat jeden, dem etwas gehörte, nach vorne kommen lassen und erstmal ordentlich zugeschlagen… Offensichtlich (leider) das einzige was hier hilft.

Das Kloster von Suzdal

Aber da unter der Überschrift Jaroslawl in unserem Reiseführer im ersten Satz steht, dass es das urbane Gegenstück zu Suzdal ist, schien es uns nicht so schlimm zu sein diese beiden Merkmale getrennt zu erleben. Urbanes Flair in Vladimir und märchenhaftes in Suzdal. Nachdem uns in Vladimir hauptsächlich Plattenbauten begrüßt hatten, waren wir begierig auf Märchen.

Immerhin kommen wir aus der Hauptstadt der deutschen Märchenstraße. Und in gewisser Weise wurden wir nicht enttäuscht. Wir können auf jeden Fall von uns sagen, einmal das Gegenteil von russisch urbanem Flair erlebt zu haben. Ob das hinreichend für das Attribut märchenhaft ist, weiß ich nicht. Ausgestorben war das Wort, das mir zuerst auf der Zunge lag, doch das war vorschnell.

Suzdal ist klein. Suzdal ist abgelegen. Suzdal ist dezentral strukturiert. Suzdal leidet unter maroder Bausubstanz, hat aber auch einige Perlen in seinen Straßen und Gassen. Suzdal hat wenig sichtbare Einwohner. Die, die man sieht, warten sehnsüchtig auf Besuch, denn die Restaurants und Bars sind alle betrieben, die Geschäfte geöffnet und in einigen Straßen sind Marktstände aufgebaut. Die Betreiber lassen sich weder von ausbleibender Kundschaft, noch von Kälte und Regen vertreiben, sondern stehen schüchtern da und blicken einem höchstens sehnsuchtsvoll hinterher.

Es gibt allerdings auch Überfluss in Suzdal mit meinem brigitte von schönfels janker. Zwar haben wir keine exakte Statistik erstellen können, doch unsere Schätzungen belaufen sich auf ein Verhältnis eins zu eins. Bewohner zu Kirche. Es ist verrückt. Aber es ist wahr. Sie sind einfach überall. Klein und groß, von Kapelle bis zum ummauerten Kloster, es ist alles dabei, von orthodox zu römisch katholisch. Jedem das Seine. Viele Häuser verfallen, sind teilweise kaum mehr als Ruinen, nur die Kirchen stehen alle aufrecht.

Man sieht Gardinen in den Fenstern, die Schornsteine rauchen, hin und wieder brennt Licht. Wenn man durch die Gassen geht, sieht das richtig urig aus. Jedes Haus ist anders, einige sind farbenfroh bemalt, mit reichlich Schnitzereien verziert, andere zwar von Alter ergraut oder von Flechten bewachsen aber dennoch. Sie strahlen eine heimelige Gemütlichkeit aus. Nur bei -40°C möchte ich darin nicht einen Schneesturm abwarten. Und man darf den Kopf nicht drehen, denn wenn man neben diesen Holhäuschen die Ruinen ihrer Vorgänger stehen sieht, dann vergeht auch der kuschelige Eindruck.

Die Kirchen sind zwar hin und wieder reparaturbedürftig, stehen aber insgesamt deutlich besser im Futter als die sonstigen Bauten. Wir scheinen in einer Art religiösem Epizentrum Russlands zu sein. Keinerlei Industrie, kaum Gäste, kaum Viehwirtschaft.

Zwischen Ruinen und Kirchen in Suzdal

Nur Wald, ein wenig Landwirtschaft und Kirchen, Kirchen, Kirchen. Wieso diese unbeschreibliche Dichte an Sakralbauten? Die Landwirte, die ich von daheim kenne, haben überhaupt nicht die Zeit so oft in die Kirche zu rennen, dass sich diese Masse lohnen würde. Treffen hier ein halbes Dutzend Ley-Linien aufeinander?

Gibt es hier Magnetfelder, unterirdische Wasseradern, Manaströmungen oder einfach nur nicht viel mehr zu tun als zu beten, dass sich bald mal etwas tut? Das würde die wartende Haltung der Einwohner erklären. Kurz habe ich darüber nachgedacht, ob die Menschen hier ihre Kirchen jeweils nur für ein Jahr nutzen, um dann eine neue zu bauen, verwarf diese Idee jedoch wieder. Dafür waren sie zu klein und zu viele eindeutig in Betrieb.

Wir mussten wieder abreisen, bevor wie das Rätsel um Suzdal lösen konnten. Wir wanderten durch dieses Suzdal, drehten eine Runde, sahen uns alles an, was es zu sehen gab, aßen eine Kleinigkeit, tranken einen heißen Honig-Nelken-Trunk (sehr zu empfehlen!) und fuhren wieder nach Vladimir.

Vier Stunden inklusive Aufwärmen in der Gaststube. Und doch, der Besuch hat sich gelohnt. Ich glaube nicht, dass wir dem ursprünglichen Russland auf unserer Reise mit den Luis Steindl haferlschuh noch einmal so nahe kommen wie in Suzdal. Alles was fehlte, waren Wolf und Bär, die über die Straße liefen. Oder das Rotkäppchen, denn die märchenhafte Stimmung war absolut vorhanden.

Die Busse befahren auch das kleinste Dorf.Wir fuhren zurück nach Vladimir, in einem der typischen Kleinbusse, die knapp 20 Leuten Platz bieten und oft mehr von gutem Willen und Hoffnung als von Stahl zusammen gehalten werden. Im Hostel angekommen hüllten wir uns in unsere Decken, tranken heißen Tee und aßen zu Abend.

Am Morgen hatte uns die Hostelmutter gefragt, wie uns Vladimir gefallen würde. Mehr aus Höflichkeit habe ich geantwortet, es sei eine ganz nette Stadt. Sie zog nur ungläubig eine Augenbraue hoch und sagte nichts weiter dazu. Nun fragte sie uns, was wir den Tag über gemacht hätten und wir berichteten ihr, dass wir in Suzdal gewesen wären. „Oh Suzdal! Eine süße Stadt, nicht wahr?” Wir nickten beide eifrig und unterhielten uns mit ihr einige Zeit lang über Suzdal. Ihr letzter Satz fasste es zusammen. „Es reicht ein Tagestrip, aber es ist definitiv die Reise wert!”

Ich kann gar nich jedesmal ausdrücken wie schön es ist von der Couch aus, und dem gemütlichen heimischen Bett mit endlos Wolldecken, mit Euch um die Welt zu reisen. Danke fürs nach Suzdal fahren. Ich war gerne dort. Und fasse schon mal den Lebensabend in so ‘nem urigen Hüttsche ins Auge.

Das Dramatheater von Nizhny Novgorod

Uns war die Sicht durch Regen- und Nebelschleier getrübt. Und doch war es ein erhabenes Gefühl, an exponierter Stelle über den beiden gewaltigen Strömen zu stehen und den Blick schweifen zu lassen. Spätestens hier bereuten wir, nicht einen Monat früher losgekommen zu sein und das Ganze in ordentliches Sonnenlicht getaucht erleben zu dürfen. Einfach nur Schade. Was eine schöne Romanze hätte werde können, blieb lediglich ein kurzer Flirt.

Was bleibt von Nizhny Novgorod? Ein vernebelter Eindruck, eine vage Vorstellung von dem was uns da entging und die Gewissheit, dass die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort den weiteren Verlauf dieser Reise bestimmen, dem wir uns unterordnen. Und dieser weitere Verlauf sieht nun die nächste nächtliche Zugfahrt nach Kasan vor. Dort, in der tatarischen Hauptstadt, nähern wir uns dann dem Rande Europas. Den Ural und Asien fest im Blick…

Das Goldene Tor von Vladimir. „Warum sind wir noch gleich nach Vladimir gefahren?”, fragte ich Peer, als wir einen ersten Spaziergang in Richtung Innenstadt machten. Er sah mich verwundert an. „Du meintest doch, dass wir hierher sollen.” „Ich?” Auweh, was hatte ich da wieder angestellt. Doch dann rettete mich Peer selber aus dieser Misere.

„Wir wollten nur hierher, um von hier als Ausgangsstation nach Suzdal mit den taschen brics Sintesis zu kommen” Glück gehabt, denn ich wollte nicht verantwortlich dafür gemacht werden, zwei Tage lang in Vladimir gestrandet zu sein. Was gibt es in Vladimir zu sehen? Nicht viel. Was gibt es über Vladimir zu sagen? Nicht viel. Von hier aus ist man in einer Stunde in Suzdal. Das ist doch schon mal was.

Das Städtchen Vladimir, auf halber Strecke zwischen Moskau und Nizhny Novgorod.Vladimir hat knapp über 300.000 Einwohner, und die Betonung liegt auf dem ersten i. Es gibt eine Haupteinkaufsstraße mit ein paar Geschäften, die auf der einen Seite vom goldene Tor begrenzt wird und von der andere Seite von der Uspenski Kathedrale. Vom goldenen Tor ist nur die Spitze golden, es beherbergt das Militärmuseum, und man kann zwar hindurch gehen aber nur drum herum fahren.

Von der Uspenski Kathedrale aus hat man einen recht guten Blick über das Tal und das Flüsschen Kljasdal. Im Restaurant Traktir kann man Schaschlik essen, nach dessen Genuss einem noch eine Stunde lang die Zunge von den Zwiebeln brennt und welches man nur mit einem Bier herunterspülen kann, denn ein zweites bekommt man nicht. Warum auch immer.

Die Uspenski Kathedrale in Vladimir. Vladimir ist nicht richtig schön und nicht richtig hässlich. Es ist nicht richtig groß und nicht richtig klein. Es liegt in der Mitte vom Nirgendwo und hat Glück, dass die Bahnstrecke hin und wieder Besucher her bringt. In gewisser Weise erinnert es mich an Kassel.

Ein kurzer Flirt

Dieser innenarchitektonische Alptraum aus Eiche rustikal geschnitzt, bot uns immerhin zwei Räume – ein Schlaf- und ein Wohnzimmer samt Fernseher (siehe dazu den Exkurs) und Schlafsofa, eigenes Bad und eine schöne Aussicht aus dem neunten Stock eines ansonsten ziemlich gesichtslosen Wohnblocks. Nach ungezählten Nächten in überfüllten Dorms entschieden wir uns für getrennte Schlafzimmer.

Welch ungewohnter aber willkommener Luxus! Allerdings ließ sich die Fakultät diesen Luxus vergolden: Bei der Vorkasse wurde der zuvor aufgerufene Preis doch um einige hundert Rubel überboten, so dass wir letztlich in der Kategorie eines ordentlichen Mittelklassehotels lagen. Sei’s drum. So kommt das Geld wenigstens der Uni zu Gute und wird nicht von nichtsnutzigen, publicity-geilen Hotelerben verprasst…

Blick in die Bolschaje Pokrowskajs Fußgängerzone am Samstagabend. Aufgrund der aufgerufenen Preise und in Ermangelung anderer Optionen, beschlossen wir, unseren Aufenthalt in Nizhny Novgorod auf lediglich zwei Tage zu beschränken. Schweren Herzens wohlgemerkt, denn was wir in der knapp bemessenen Zeit von der Stadt sahen, hat uns von den Socken gehauen: Ein einladendes Altstadtquartier mit einer prächtigen Fußgängerzone, die von wunderschönen Jugendstilfassaden eingefasst ist.

Hier und da durchbrochen nur von einer ebenso schönen Kirche oder einem palastähnlichen Gebäude – wohl was Offizielles. Hier liegt das Herz der Stadt. Zumindest kam uns der Eindruck beim Schlendern entlang der Meile am frühen Samstagabend, als sich dort die örtliche Jugend mit ihrer campomaggi umhängetasche
traf, um das Wochenendprogramm einzuläuten. Und hier war an diesem Abend einiges los.

Da bei uns aber die Reisestrapazen langsam ihren Tribut einfordern, entschlossen wir uns lediglich für einen gemütlichen Drink in einer äußerst ansprechenden Bar. Endlich Rock’n’Roll! Zugegeben, wir fühlten uns wohl und es blieb nicht bei dem einen Drink. Trotzdem schonten wir die Kräfte, da wir die Stadt am kommenden Tag noch ein wenig erkunden wollten.

Und auch die sonntägliche Stadtbegehung bestätigte uns in unserer ersten Einschätzung: Hier lässt es sich aushalten! Obwohl es im Sommer wahrscheinlich noch etwas schöner ist. Denn wir erwischten klassisches russisches Schmuddelwetter: Kälte, Wind und ununterbrochener Nieselregen. Das zermürbt irgendwann selbst den euphorischsten Touristen. So konnten wir leider auch nur erahnen, welches Panorama sich vom Kreml und der umliegenden Promenade aus, auf den Zusammenfluss von Oka und Wolga sonst bietet.

Kurzweil während der Fahrt

In ihrem Kielwasser trieb ein Bettler, der irgendetwas von uns wollte. Geld vielleicht? Nur wenig später folgte eine zweite Dame, die uns über die Vorzüge von Einmachgläsern, entsprechenden Gummidichtungen und Ausschenkhilfen informierte. So denke ich zumindest. Jedenfalls mutete diese Performance an wie eine Verkaufsshow von QVC. Nur eben live. Und auf Russisch.

Wiederum nur wenig später kam – diesmal zur Abwechslung aus der anderen Richtung – ein Mann, der etwas nicht Alltägliches im Angebot hatte: Reisepässe! Schau einer an, hier geht einiges. Ich geriet kurzzeitig in Versuchung, meinen originalen deutschen Pass gegen einen gefälschten georgischen einzutauschen. Ich hätte auch noch was draufgelegt. Allerdings entschied ich mich letztlich doch dagegen, denn ich wusste einfach zu wenig über meine potenzielle neue Wahlheimat, um mich abschließend festlegen zu können. Wer weiß, ob ich das nicht noch einmal bereue…

Auch auf der Rückfahrt bot sich ein ähnliches Bild. Hier kam irgendwo auf der Strecke ein altes Mütterchen in unseren Waggon und unterhielt uns mit einer russischen Volksweise. 1a vorgetragen und offenbar nur der Kurzweil dienend, denn Geld wollte sie dafür nicht. Sie sang ihr Lied und verschwand, wie sie gekommen war.

Es bleibt festzuhalten, dass Zug fahren mit einem jagdmesser cs go
in Russland nichts für Amateure ist. Dennoch erlebt man in Russlands Zügen tatsächlich einiges. Ebenso auf dem Weg in diese hinein und wieder heraus. Und das nächste Mal versuchen wir es eine Nummer größer…

Georgier werden, hm. Das wäre doch mal was, Herr 🙂 Das Land hübsch gelegen mit direktem Zugang zum Schwarzen Meer und einer Fahne, die dem geneigten Englandfan das Herz aufgehen läßt. Und wer den Namen seiner Revolution diesem Satz entleiht, kann nicht ganz schlecht sein: „Wir werden Rosen statt Kugeln auf unsere Feinde werfen.“ (-> Rosenrevolution 2003)

Nur einer der Kronleuchter im Winterpalast. Nein, nein und nochmals nein. Ich weigere mich, hierzu Worte zu verlieren. Ich habe sowieso keine zur Verfügung. Wie soll man das beschreiben? So etwas banales wie Worte werden diesen Schlössern und Palästen ohnehin nicht gerecht. Das funktioniert nicht. Sie sind unbeschreiblich. Also ohne weitere, vergebliche Versuche, hier sind die. Die Paläste von St Petersburg.

Zu spät. Auch ich bin baff. Und hoffe, die anderen haben es verkraftet. Ich muss mich umhören. Hilfe anbieten. Mut machen. Wie lange seid ihr noch in St. Petersburg? Doch bevor ich die Telefonkette starte, habe ich noch eine Frage bzgl. des Fotos von der Ahnengalerie. Was ist mit den Angehörigen in den schwarzen Feldern? Wurden sie entfernt? Warum? Haben sie über Nacht ein sechsstöckiges Gebäude gebaut?

St Petersburger Impressionen – Die Paläste

Es ist einfach unglaublich wie Ihr mit Euren toll geschriebenen Berichten und mit den extrem schönen Fotos einen tollen Eindruck vom “herübergebrachten” vermitteln könnt. Die Deutsche Zeitung in Moskau werde ich auch verfolgen,falls sie ein Interview mit Euch macht. Stolz bin ich natürlich auch. Paßt bloß bei allen Genußmitteln ob flüssig oder rauchförmig auf. Da liest man ja schreckliches über Russland.

Man sagt, Moskau sei der Kopf Russlands, St. Petersburg das Herz und Nizhny Novgorod die Geldbörse des Landes. Zumindest war die Stadt an der Stelle, an der die Oka in die Wolga mündet, einst das bedeutendste Handelszentrum Russlands.

Der Wohlstand, der sich hier im Laufe der Jahrhunderte ansammelte, ist auch heute noch allgegenwärtig. Nizhny Novgorod, die „dritte Hauptstadt”, ist ein wunderschöner Ort, auch wenn uns ein ungetrübter Blick auf den gesamten Glanz durch Regen- und Nebelschleier verwehrt blieb. Was eine echte Romanze hätte werden können, verkam zu einem One-Night-Stand. Denn: Nizhny Novgorod ist so einladend und so ungastlich zugleich.

Ungastlich? Richtig. Denn in der gesamten Stadt gibt es neben Jagdbekleidung damen günstig nicht ein einziges Hostel oder erschwingliches Hotel, das uns erlaubt hätte, ein unseren monetären Vorstellungen entsprechendes Quartier zu beziehen. Zwar gingen wir mehreren Empfehlungen nach, doch entweder hieß es „Tut uns leid, keine Betten für Touristen, nur für Russen” oder schlicht „sorry, nix frei.” Richtig günstig wäre es ohnehin nicht geworden. So kam es, dass wir nach dem letzten Strohhalm griffen und uns – obwohl dem Studentenalter längst entwachsen – in den Räumlichkeiten der linguistischen Fakultät der hiesigen Uni einquartierten.

Uni – klingt gut. Ein Bett im Schlafsaal? Fehlanzeige, ausgebucht. Was gibt’s hier sonst noch? Special VIP-Apartments! Oha, klingt auch nicht schlecht. Doch mehr aus Mangel an Alternativen wurden die VIP-Quartiere im Handumdrehen gebucht und nichts wie hin da. Das Auffinden der Fakultät und des angegliederten – ja, was war es eigentlich? Studentenwohnheim? Hostel? Apartmenthaus?

Wir haben es nicht wirklich in Erfahrung bringen können. Wohl etwas von allem, da wir offensichtlich nicht die einzigen Nicht-Studenten im Hause waren. Eine Andeutung der Rezeptionistin, manche Gäste würden auch nur einige Stunden bleiben, legte eine weitere Vermutung nah. Wir haben aber auch das nicht verifizieren können. Oder wollen.

Schön, aber ein Hostel wäre uns lieber gewesen… Jedenfalls gestaltete sich das Auffinden unserer Herberge etwas schwierig, da wir – von Gebäude zu Gebäude geschickt – wohl den halben Campus absuchten. Endlich angekommen, erwartete uns in der Tat ein VIP-Apartment. Zumindest für studentische Verhältnisse.