Ruhiger Tag in Sambia

Außer vielleicht eine Kleinigkeit: Ich habe hier sehr großes Glück mit meiner Familie. Zum einen werde ich jeden Abend bekocht wie im Sternerestaurant und das noch nicht mal NshimaJ Mutti mag es nämlich nicht so gerne (die wahrscheinlich einzige Sambiarin). Zum andern wurde jetzt für mich das volle Pay-TV Programm gekauft, ohne dass ich es extra gewünscht habe. Daher hört die ewige Langeweile zu Hause jetzt wohl auch etwas auf. Mir werden also quasi alle Wünsche von den Lippen abgelesen. Man kann sich nicht beklagen…

Der nächste Brüller kam alledings heute ABe ich war alleine daheim, als Vati und Mutti gegen halb sechs heim kamen. Clement (also Vati) drückte mir, mehr oder weniger, kommentarlos dreißig Tausend Kwacha (5Euronen) in die Hand. Für Essen, weil die beiden direkt wieder wegwollten. Verstanden habe ich das nicht wirklich, da ich mir auch hier etwas machen, oder einfach auf die beiden warten könnte.

Auf die Frage, wohin die beiden gehen, erklärte er mir ganz trocken, er gehe seine Kumpels treffen und Bier trinken und sie gehe zum Gebet. Ich sollte nicht vor 22 Uhr mit ihnen rechnen. Nach kurzer Überschlagung im Kopf hab ich mich dann gewundert wie lange mit manon baptiste Poloshirt die Kirche wohl gehen müsste und fragte was Gertrude (Mutti) in der restlichen Zeit mache. „Die wartet solange“…. Sie geht also zum Gebet, welches Schätzungsweise bis etwa sieben Uhr geht und wartet anschließend bis frühstens zehn Uhr auf ihren Mann, damit sie ihn heimfahren kann. So kanns gehn in Afrika…

Die zurückliegende Woche war die wahrscheinlich härteste Woche bislang in Sambia. Das bezieht sich zwar auch auf die Arbeitszeit, aber vor allem auf die Arbeit selbst. Wie schon angekündigt war ich am Dienstag und Mittwoch fast alleine an der Schule und hatte die fünfte bzw. sechste Klasse den jeweils ganzen Tag zu betreuen. Kann alzu schwer nicht werden, dachte ich mir. Falsch gedacht… Nachdem ich anfangs einfach mal Mathe Aufgaben über den zurückliegenden Stoff behandelt habe musste ich frustriert feststellen, dass ich die Kinder hoffnungslos überschätzt habe. NIX, aber auch gaaaaar NIX konnten die. Es kam letztlich sogar soweit, dass ich in der sechsten Klasse das kleine einmaleins wiederholen musste. Zu allem Unglück kam noch hinzu, dass die meisten sogar zum abschreiben zu dumm waren bzw. immer bei den Falschen abgeschrieben haben

Vom Verhalten möchte ich erst gar nicht anfangen. Ich dachte wirklich, ICH wäre schlimm gewesen zu meiner Schulzeit, aber das hier übersteigt doch alles. Ich glaube es liegt auch daran, das die genau wissen, dass ich sie nicht schlage (im Gegensatz zu den “normalen” Lehrern). Letztlich habe ich kurzerhand alle rausgeschickt, die bei meinem hundertsten Versuch etwas zu erklären, immer noch störend waren und habe einfach alles eingesammelt, was nicht mit Mathe zu tun hatte, aber dennoch auf den Tischen war. Ein Fehler, wie sich am nächsten Tag herausstellte. Ich habe die Gemälde nämlich meinem Kollegen gegeben und der hat jeden, dem etwas gehörte, nach vorne kommen lassen und erstmal ordentlich zugeschlagen… Offensichtlich (leider) das einzige was hier hilft.

Das Kloster von Suzdal

Aber da unter der Überschrift Jaroslawl in unserem Reiseführer im ersten Satz steht, dass es das urbane Gegenstück zu Suzdal ist, schien es uns nicht so schlimm zu sein diese beiden Merkmale getrennt zu erleben. Urbanes Flair in Vladimir und märchenhaftes in Suzdal. Nachdem uns in Vladimir hauptsächlich Plattenbauten begrüßt hatten, waren wir begierig auf Märchen.

Immerhin kommen wir aus der Hauptstadt der deutschen Märchenstraße. Und in gewisser Weise wurden wir nicht enttäuscht. Wir können auf jeden Fall von uns sagen, einmal das Gegenteil von russisch urbanem Flair erlebt zu haben. Ob das hinreichend für das Attribut märchenhaft ist, weiß ich nicht. Ausgestorben war das Wort, das mir zuerst auf der Zunge lag, doch das war vorschnell.

Suzdal ist klein. Suzdal ist abgelegen. Suzdal ist dezentral strukturiert. Suzdal leidet unter maroder Bausubstanz, hat aber auch einige Perlen in seinen Straßen und Gassen. Suzdal hat wenig sichtbare Einwohner. Die, die man sieht, warten sehnsüchtig auf Besuch, denn die Restaurants und Bars sind alle betrieben, die Geschäfte geöffnet und in einigen Straßen sind Marktstände aufgebaut. Die Betreiber lassen sich weder von ausbleibender Kundschaft, noch von Kälte und Regen vertreiben, sondern stehen schüchtern da und blicken einem höchstens sehnsuchtsvoll hinterher.

Es gibt allerdings auch Überfluss in Suzdal mit meinem brigitte von schönfels janker. Zwar haben wir keine exakte Statistik erstellen können, doch unsere Schätzungen belaufen sich auf ein Verhältnis eins zu eins. Bewohner zu Kirche. Es ist verrückt. Aber es ist wahr. Sie sind einfach überall. Klein und groß, von Kapelle bis zum ummauerten Kloster, es ist alles dabei, von orthodox zu römisch katholisch. Jedem das Seine. Viele Häuser verfallen, sind teilweise kaum mehr als Ruinen, nur die Kirchen stehen alle aufrecht.

Man sieht Gardinen in den Fenstern, die Schornsteine rauchen, hin und wieder brennt Licht. Wenn man durch die Gassen geht, sieht das richtig urig aus. Jedes Haus ist anders, einige sind farbenfroh bemalt, mit reichlich Schnitzereien verziert, andere zwar von Alter ergraut oder von Flechten bewachsen aber dennoch. Sie strahlen eine heimelige Gemütlichkeit aus. Nur bei -40°C möchte ich darin nicht einen Schneesturm abwarten. Und man darf den Kopf nicht drehen, denn wenn man neben diesen Holhäuschen die Ruinen ihrer Vorgänger stehen sieht, dann vergeht auch der kuschelige Eindruck.

Die Kirchen sind zwar hin und wieder reparaturbedürftig, stehen aber insgesamt deutlich besser im Futter als die sonstigen Bauten. Wir scheinen in einer Art religiösem Epizentrum Russlands zu sein. Keinerlei Industrie, kaum Gäste, kaum Viehwirtschaft.