Das Kloster von Suzdal

Aber da unter der Überschrift Jaroslawl in unserem Reiseführer im ersten Satz steht, dass es das urbane Gegenstück zu Suzdal ist, schien es uns nicht so schlimm zu sein diese beiden Merkmale getrennt zu erleben. Urbanes Flair in Vladimir und märchenhaftes in Suzdal. Nachdem uns in Vladimir hauptsächlich Plattenbauten begrüßt hatten, waren wir begierig auf Märchen.

Immerhin kommen wir aus der Hauptstadt der deutschen Märchenstraße. Und in gewisser Weise wurden wir nicht enttäuscht. Wir können auf jeden Fall von uns sagen, einmal das Gegenteil von russisch urbanem Flair erlebt zu haben. Ob das hinreichend für das Attribut märchenhaft ist, weiß ich nicht. Ausgestorben war das Wort, das mir zuerst auf der Zunge lag, doch das war vorschnell.

Suzdal ist klein. Suzdal ist abgelegen. Suzdal ist dezentral strukturiert. Suzdal leidet unter maroder Bausubstanz, hat aber auch einige Perlen in seinen Straßen und Gassen. Suzdal hat wenig sichtbare Einwohner. Die, die man sieht, warten sehnsüchtig auf Besuch, denn die Restaurants und Bars sind alle betrieben, die Geschäfte geöffnet und in einigen Straßen sind Marktstände aufgebaut. Die Betreiber lassen sich weder von ausbleibender Kundschaft, noch von Kälte und Regen vertreiben, sondern stehen schüchtern da und blicken einem höchstens sehnsuchtsvoll hinterher.

Es gibt allerdings auch Überfluss in Suzdal mit meinem brigitte von schönfels janker. Zwar haben wir keine exakte Statistik erstellen können, doch unsere Schätzungen belaufen sich auf ein Verhältnis eins zu eins. Bewohner zu Kirche. Es ist verrückt. Aber es ist wahr. Sie sind einfach überall. Klein und groß, von Kapelle bis zum ummauerten Kloster, es ist alles dabei, von orthodox zu römisch katholisch. Jedem das Seine. Viele Häuser verfallen, sind teilweise kaum mehr als Ruinen, nur die Kirchen stehen alle aufrecht.

Man sieht Gardinen in den Fenstern, die Schornsteine rauchen, hin und wieder brennt Licht. Wenn man durch die Gassen geht, sieht das richtig urig aus. Jedes Haus ist anders, einige sind farbenfroh bemalt, mit reichlich Schnitzereien verziert, andere zwar von Alter ergraut oder von Flechten bewachsen aber dennoch. Sie strahlen eine heimelige Gemütlichkeit aus. Nur bei -40°C möchte ich darin nicht einen Schneesturm abwarten. Und man darf den Kopf nicht drehen, denn wenn man neben diesen Holhäuschen die Ruinen ihrer Vorgänger stehen sieht, dann vergeht auch der kuschelige Eindruck.

Die Kirchen sind zwar hin und wieder reparaturbedürftig, stehen aber insgesamt deutlich besser im Futter als die sonstigen Bauten. Wir scheinen in einer Art religiösem Epizentrum Russlands zu sein. Keinerlei Industrie, kaum Gäste, kaum Viehwirtschaft.