Alle Züge fahren nach Pushkin

Die nächste erfolgte im Zug. Ganz klassisch mit drei Schaffnern und zwei Sicherheitskräften. Wer aber danach sein Ticket weggeworfen hat, der sollte ein Problem bekommen Zum Glück behielten wir unsere Tickets, Probleme bekamen wir trotzdem. Denn nach wie vor gibt uns das kyrillische Schriftbild bisweilen Rätsel auf.

Zwar prägten wir uns die Schreibweise der Zielstation genau ein, entdeckten diese nach halbstündiger Fahrt sogar auf einem Bahnhofsschild, doch leider zu spät. Die Züge halten hier nur etwa zwei Minuten, sodass wenig Zeit zur Orientierung bleibt. Kaum versicherte ich, dass wir an unserem Ziel seien und machte mich zum Aussteigen bereit, fuhr der Zug bereits wieder an. Dumm gelaufen. Nächster Halt Pavlovsk. Schön, da wollten wir sowieso hin. Also warum nicht gleich?

Diesmal waren wir besser vorbereitet und begaben uns frühzeitig in Richtung Ausstieg. Diesmal sollte auch der kurze Halt reichen, um den Zug zu verlassen. Doch um den Bahnsteig zu verlassen, bedurfte es einer erneuten Kontrolle beim Passieren eines Drehkreuzes. Leider hatten wir unser Ticket wegen des Missgeschicks bei Pushkin überzogen und uns wurde der Ausgang verwehrt. Verdammt. Schwere Zeiten für Schwarzfahrer. Wir wandten uns hilfesuchend an einen Uniformierten, der beim Blick auf unsere Fahrscheine milde lächelnd auf seine Kollegin deutete.

In der Hoffnung auch hier auf Nachsicht mit reitmayer linksstrickjacke
zu stoßen, versuchten wir es erneut mit dem Charme des Hilflosen. Doch unsere Hoffnungen wurden im Keim erstickt. Ziemlich barsch wies sie uns zurück und erzählte – mal wieder – irgendwas von „Plattform”. Ob wir hier übernachten sollten? Nein, denn der Rubel öffnet einem hier viele Türen. Und auch Drehkreuze. Auf dem Bahnsteig fanden wir den Schalter, wo wir von der jungen Dame hinter der Scheibe zunächst einmal ausgelacht wurden. Nett, danke auch.

Nach einigem hin und her, diversen Lamentos und Gesten des Bedauerns und des Flehens, hatte die Schalterdame ein Einsehen und gab uns neue Tickets. Wer aber jetzt denkt, wir hätten die eine Station nachzahlen müssen, der irrt. Zum gleichen Preis wie für die Fahrt von St. Petersburg nach Pushkin auf historischer Strecke erhielten wir nun einen ganz alltäglichen Gang vom Bahnsteig ins Bahnhofsgebäude. Inklusive Drehkreuzpassage gut und gerne eine Minute. Panorama während der Fahrt: St. Petersburgs Außenbezirke.

Bei allen Schwierigkeiten muss man allerdings sagen, dass einem während der Fahrt doch einiges geboten wird. Kaum zuckelte der Zug aus dem Witebsker Bahnhof los, wurde sogleich die Tür zum mit Holzbänken versehenen Großraumabteil aufgerissen und die erste Zeitungsverkäuferin kam herein um einen Strauß bunter Druckerzeugnisse anzupreisen.